Wie schaffst du das?

Wie schaffst du das? Ein Interview mit Milena Glimbovski über Erfolg, Arbeitsteilung und Privilegien

Über Milena Glimbovski

Milena Glimbovski

Milena Glimbovski ist Unternehmerin, Autorin und Zero-Waste-Aktivistin. Bekannt wurde sie vor allem durch die Gründung des Lebensmittelladens Original Unverpackt, das mit einem Crowdfunding über 100.000 € finanziert wurde. Danach hat sie den Verlag Ein guter Plan mitgegründet und die zwei Bücher Ohne Wenn und Abfall und Einfach Familie Leben geschrieben. 

Ich finde das einen sehr beeindruckenden Output, insbesondere, weil sie auch noch Mutter ist und ich als Vater weiß, wie viel Zeit und Energie man für ein kleines Kind braucht. Mich interessiert schon länger, wie man als junges Elternteil unternehmerisch erfolgreich wird oder bleibt und sich trotzdem gleichzeitig für eine enkeltaugliche Welt einsetzen kann. Kann das klappen? Wenn ja, wie? Dazu habe ich mit Milena telefoniert.

Du bist Geschäftsführerin und Gründerin von zwei erfolgreichen Unternehmen und Mutter eines kleinen Kindes. Außerdem engagierst du noch sehr für den Klimaschutz. Wie bringst du das alles unter einen Hut?

In der einen Firma Ein guter Plan bin ich nicht mehr operativ tätig. Dort habe ich mich Stück für Stück rausgezogen, indem ich zuerst Bereiche abgegeben habe und dann nur noch Geschäftsführerin war. Und jetzt schaue ich nur noch ab und zu mit auf die Finanzen. 

Original unverpackt führe ich als Geschäftsführerin mit 33 Mitarbeiter*innen. Wir haben zwei Läden, einen Online-Shop und eine eigene Produktlinie. Und für diese ganzen Bereiche gibt es eigene Mitarbeiter, die Leitungspositionen innehaben und ihre Aufgaben sehr verantwortlich übernehmen und toll meistern. 

Das ist eine Firma, die funktioniert, auch finanziell, und dadurch Menschen beschäftigen kann. Deswegen kann ich Verantwortung und Aufgaben abgeben. 

Ich bin in einer sehr privilegierten Position. Durch meine Stellung als Geschäftsführerin habe ich eine Assistentin, der ich solche Sachen – wie heute den Termin vereinbaren – machen lassen kann. Das musste ich auch erst mal lernen.

Also gibst du viel ab und dadurch ist Freiraum da für das, was dir wichtig ist?

Aber selbst wenn ich abgebe, muss ich das briefen, ich muss gucken, dass die Person das verstanden hat, ob es erledigt wird, und gegebenenfalls Feedback geben. Es ist weniger aufwändig als es selber zu machen. Vor allem, wenn man es schon lange miteinander arbeitet, wie es mit meiner Assistentin und mir der Fall ist.

Aber trotzdem kostet das natürlich Ressourcen. Das ist nicht zu unterschätzen.

Hast du einen festen Stundenplan, mit dem du zwischen beruflichem und privatem Leben trennst?

Wir haben gerade keine Kinderbetreuung. Das heißt, wir machen alles selber. Wir haben eine sehr strikte Zeitaufteilung, die wir entsprechend den Umständen auch anpassen.

Grundsätzlich ist es so, dass wir Schichten haben. Die 9 bis 13 Uhr-Schicht und die 13 bis 17 Uhr-Schicht. Das heißt, ich arbeite vier Stunden am Tag konzentriert. In der Zeit habe ich in meinem Arbeitszimmer meine Ruhe und kümmert sich mein Freund ums Kind. 

Und dann arbeitet er halt nachmittags. Oder wir tauschen. Wir haben einen Stundenplan, der für jeden Tag dann auch anders aussieht. Je nachdem, wie es gerade passt.

Und passt es immer? Weil Arbeit hat meiner Erfahrung nach die Eigenschaft, sich auszudehnen und dann mehr Zeit einzunehmen.

Ja, aber die muss dann fertig sein. Wenn nicht, hat man Pech gehabt. Dann muss es halt bis morgen warten oder man macht es noch abends in seiner eigenen Freizeit. 

Wenn es wirklich ein Weltuntergang wäre, dass wir nicht fertig werden, müssen wir ein bisschen länger machen. Aber eigentlich muss man es schaffen.

Ab 17 Uhr haben wir Familienzeit. Da wird Essen gemacht und gekocht und Zeit zusammen verbracht.

Dann bringt einer von uns das Kind ins Bett. Das ist auch festgelegt, wer das macht und wer die Nacht mit dem Kind verbringt. So müssen wir nicht jeden Abend diskutieren, wer ihn ins Bett bringt und es ist fair 50/50 aufgeteilt. Natürlich machen wir hier Ausnahmen, zum Beispiel, wenn einer müde ist oder was anderes ansteht.

Dieser Stundenplan sorgt dafür, dass ich weiß, wann ich arbeite. Instagram, E-Mails und alles an Arbeitskram versuche ich in diese vier Stunden zu packen. Mein Handy habe ich nicht dabei, wenn ich mich um das Kind kümmere. Manchmal mache ich abends noch was auf Instagram, aber sonst nichts Arbeitsbezogenes.

Ich habe schon öfter von vier verschiedenen Typen von Arbeit gelesen, die zu einem ausbalancierten Leben dazu gehören: Erwerbsarbeit, Familien bzw. Beziehungsarbeit, Gemeinwesensarbeit und Weiterentwicklung. Kennst du das? Was hältst du davon?

Ähm, nein. Haushaltsarbeit war nicht dabei?

Haushaltsarbeit, na ja. Also bei Beziehungsarbeit im Englischen heißt es Care-Arbeit. Vielleicht ist da Haushaltsarbeit mit gemeint.

Hmm, vielleicht ist es dann eine Frage der Übersetzung. Im feministischen Kontext wird ja sehr viel von Care-Arbeit gesprochen und das ist die Betreuung des Kindes oder von Angehörigen. Das ist ein riesiger Batzen.

Aber dann kommt Haushaltsarbeit noch oben drauf. Wir haben auch unsere Haushaltsarbeit akribisch aufgeteilt. Mein Freund ist für alles, was mit der Küche zu tun hat, verantwortlich. Da mache ich im Prinzip nichts, außer meinen Teller wegzuräumen. 

Ich putze und räume die ganze Wohnung auf. Jeden Tag verbringe ich mindestens eine halbe bis dreiviertel Stunde nur mit aufräumen. Und da ist putzen noch nicht drin. Dann verbringe ich noch zwei bis drei Stunden am Wochenende nochmal mit aufräumen und putzen. 

Für mich ist das ein richtiger Batzen, der über die Woche zusammen kommt. Also zweieinhalb Stunden unter der Woche und nochmal zwei Stunden, drei Stunden am Wochenende. Sind fünf Stunden die Woche, die ich mit mit Haushalt verbringe. Mindestens. Wäsche und so etwas kommt auch noch dazu.

Das heißt, nach Erwerbsarbeit und Care-Arbeit kommt bei mir die Haushaltsarbeit. Bevor irgendwas Anderes kommt. Und das ist nicht, weil ich einen Reinigungsfimmel habe, sondern weil das notwendig ist. Mir ist wichtig, dass diese Haushaltsarbeit gesehen wird. 

Und Weiterentwicklung… Ich weiß nicht, ob das als Arbeit gesehen werden kann. Also sich selber fortzubilden, nicht?

Genau. Sich weiterzubilden, seinen Interessen nachgehen.

Ich dachte, das nennt man Hobbys…

Okay… Ich habe das als sehr schlüssig empfunden, dass es eben nicht nur eine Art Arbeit gibt, sondern mehrere Bereiche des Lebens und alle auch wichtig sind. Klar, da kann oder sollte man Haushaltsarbeit vielleicht noch explizit dazu nehmen. 

Gemeinwesensarbeit sollte eigentlich auch jeder machen, finde ich. Aber das fällt bei vielen hinten runter. Dazu haben die meisten keine Zeit.

Die nehmen sich nicht die Zeit. Das ist ja immer die Frage. Das nicht keine Zeit haben, sondern sich die Zeit nicht nehmen. Ich könnte ja auch am Wochenende weniger putzen und zwei Stunden irgendwo Freiwilligenarbeit machen und damit die Gemeinde hier unterstützen.

Klar. Aber ich glaube, dass bei vielen die Erwerbsarbeit so dominant ist, dass sie gar nicht den Raum für andere Arbeiten haben.

Ja, total. Aber es muss nicht immer die Erwerbsarbeit sein. In unserem Fall ist es gerade die Care-Arbeit, die wegen Corona so krass überhandnimmt. Dass man einfach nicht den Kopf und die Kapazitäten – psychisch und physisch – hat, irgendwas Anderes zu machen. 

Eines der Themen, auf das du mich angesprochen hast, war Aktivismus. Mein Aktivismus besteht gerade daraus, ein paar Sachen auf Instagram zu teilen. Und das ist für mich kein Aktivismus. 

Aktivismus ist eine Demo organisieren, rausgehen, Pressearbeit machen, Briefe an Politiker schreiben, sich organisieren und zu Themen vernetzen. Ich leite nichts an, ich teile mal was. Also mein Aktivismus pausiert gerade, weil durch Care-Arbeit meine Kapazitäten sehr stark gebunden sind. 

Ja, ich kenne das auch, dass Care- und Haushaltsarbeit überhandnehmen.

Was mir immer wichtig ist: Dass man bei „Wie schaffst du das?“-Fragen Privilegien mitbedenken muss. Zum Beispiel Privilegien finanzieller Natur. Und man zum Beispiel nur Care-Arbeit für Kinder macht und nicht noch für andere Angehörige oder Menschen mit Behinderung. 

Ich habe wichtige Privilegien, die andere halt nicht haben. 

Ich habe einen Partner, mit dem ich mir alles fifty-fifty teile. Das haben die wenigsten Frauen. Sie müssen erst mal mit ihrem Partner oder Partnerin streiten, wer was macht. Und wie oft. Bei uns ist dieser Streit wirklich minimal, behaupte ich jetzt mal. Weil wir da einmal die Aufgaben verteilen und ein System haben. 

Ich habe eine Firma, ich habe Mitarbeiter und Assistenten. Und Geld für Raumpflege.

Weil ich in einigen Bereichen wirklich abgegeben habe, und nicht andauernd irgendwelche To-Do-Listen im Kopf behalten muss, habe ich weniger mentale Belastung und viele Kapazitäten.

Ich finde es total wichtig, diese Privilegien aufzuzeigen. Damit Leute sich nicht fragen, „Warum schafft sie das und ich schaffe das nicht?“.

Würdest du sagen, du hast dir deine Privilegien auch erarbeitet?

Nein. Ja. Jein. Ich habe mir meine Privilegien erarbeitet, weil ich andere Privilegien habe. Ich hatte auch meine 50, 60-Stunden-Woche. Aber im Nachhinein weiß ich nicht, ob das den größten Unterschied gemacht hat. Dadurch habe ich vor allem gelernt, wie ich nicht arbeiten möchte. 

Ich habe meine Privilegien einfach so bekommen: 

  • Ich bin weiß. 
  • Ich klinge deutsch. 
  • Ich habe keinen Akzent. 
  • Ich habe einen deutschen Namen. 
  • Ich habe bestimmte Fähigkeiten: Ich kann ganz gut quatschen und bin auch nicht schlecht im Marketing. 

Und mit vielen Fähigkeiten und einer guten Idee zum richtigen Zeitpunkt und einem tollen Team, konnte ich mir bestimmte Dinge erarbeiten. Aber ich würde nie sagen, weil ich früher so superviel gearbeitet habe, habe ich jetzt genug Geld und so weiter.

Dass ich einen Freund gefunden habe, der bereit ist, alles mit mir zu teilen, ist zum Beispiel einfach krass viel Glück. Krass lange gesucht, aber einfach krass viel Glück gehabt. Nur weil jemand lange sucht und viel datet, heißt das nicht, dass er einen genauso tollen Freund findet wie ich.

Danke Milena, dass du dir die Zeit genommen hast.


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