Der Frosch muss warten, bis ich die nötige Energie habe – Warum jeder seinen Arbeitsrhythmus kennen sollte

Denke ich an Studienzeiten, fällt mir oft folgendes Bild ein: Mein WG-Mitbewohner, der schon seit 7 Uhr früh wie festgeschraubt am Schreibtisch seine Projektarbeiten tippt. Nachmittags hatte er sein Pensum geschafft. Ich aber – hatte oft noch nicht mal angefangen. Vor Zehn kam ich schwer aus’m Bett, dafür wurde ich am Spätabend immer produktiver und saß bis Mitternacht vorm PC.

Auch heute tickt mein Biorhythmus immer noch nicht anders. Kreativ sein am Morgen – no way, sehr schwierig! Klar habe ich mich dem Arbeitsalltag angepasst, kann im Redaktionsdienst auch früh um Vier Nachrichten schreiben. Die beste Arbeitstemperatur für kreative Projekte allerdings erreiche ich erst am Abend. Alle Versuche, das dauerhaft zu ändern, waren mäßig erfolgreich. Frühmorgens am Schreibtisch erschienen plötzlich viele Mails als sehr dringlich, ebenso wie irgendwelcher Organisationskram. „Nur noch einmal kurz Twitter checken, dann fange ich sofort an“ – na klar ;-). Das Ergebnis: Zumeist Frust über mangelnde Disziplin und das eigene Zeitmanagement.

Und du, geht es dir auch so? Kämpfst du auch oft gegen das schlechte Gewissen, zu spät loszulegen? Und findest dich immer wieder in derselben Schleife?

Die innere Uhr umprogrammieren: Schwierig!

Ich habe lange versucht, meine innere Uhr umzuprogrammieren. Bis mich jemand fragte: Warum eigentlich? Seitdem versuche ich, die Tagesaufgaben meinem Rhythmus anzupassen und nicht umgekehrt. Anrufe, Einkäufe, Routinedinge sind das Morgenprogramm. Wichtiges wird im abendlichen Kreativhoch erledigt. Dann läuft es schneller von der Hand, die Ergebnisse sind besser. So spare ich am Ende Zeit und fühle mich insgesamt zufriedener.

Jeder sollte seinen kreativen Rhythmus kennen: Denn das bringt qualitativ besseren Output, spart Frust und schont die eigenen Energieressourcen. Gegen die innere Uhr ankämpfen ist zumindest für mich schwer. Anderen Arbeitsbedingungen hingegen konnte ich mich anpassen. So bin ich durch das Großraumbüro an eine Art Hintergrundrauschen gewöhnt. Beim Arbeiten zu Hause  wiederum brauche ich Stille. Hänge ich beim Texten an einer Formulierung, hilft oft schon ein kurzer Gang in ein anderes Zimmer: Bewegung bringt die kognitiven Fähigkeiten in Schwung, wie zwei Wissenschaftler der Stanford University und der Santa Clara University vor ein paar Jahren nachwiesen.     

Ich brauche eine To Do-Liste mit den Tagesaufgaben, um die Arbeit zu portionieren. Und ich versuche den Tag etwas zu „überbuchen“, um mit dem so entstandenen Druck mehr zu schaffen. Überhaupt, Termindruck: Für viele Journalisten und auch für mich schon immer ein wesentlicher Antrieb und ein durch die Redaktionsarbeit geprägtes Arbeitsmuster. Erst wenn eine Deadline naherückt, sprudeln die Ideen. Und noch etwas hat sich im Lauf der Jahre herausgestellt: Das „Eat the Frog“-Prinzip – erledige Unangenehmes zuerst – funktioniert bei mir nicht. Der Frosch muss warten, bis ich die nötige Energie habe. Oft richten wir unsere Arbeitsbedingungen unbewusst bereits gut auf die eigenen Bedürfnisse aus. Wenn du genau weißt, welches Umfeld Deine Kreativität am besten pusht, kannst du dich umso leichter in einen Modus bringen, in dem die Ideen gut fließen.

Was bringt dich in den kreativen Flow?

Beobachte doch mal, wann du die besten Ergebnisse lieferst. Brauchst Du wie ich einen gut strukturierten Tag mit einer To do-Liste – oder hast du alles im Kopf? Arbeitest Du gern in Gesellschaft oder lieber allein? Was verhilft dir zu guten Gedanken: Eine Tasse Kaffee oder doch eher Tee? Musik oder Stille?

Zu welchen Hilfsmitteln greifst du lieber: Papier und Bleistift oder spezielle Apps? Bringen dich visuelle Stützen wie etwa Skizzen weiter, um den Ablauf neuer Projekte zu ordnen?

Brauchst du regelmäßig kleine Pausen? Oder kannst du locker von Frühstück bis Mittag durchziehen?

Welche Arbeitsumfelder haben dich in den letzten Jahren geprägt? Ist es vielleicht hilfreich, je nach Aufgabe die Umfelder zu wechseln: Mal in ein Co-Working-Büro, mal an den eigenen Schreibtisch?

Kreativität läuft in Phasen ab

Klar ist: Wir können unserer Kreativität einen Kick geben, wenn wir wissen, wie und unter welchen Umständen wir am besten arbeiten. Für Franz Liszt war es die Natur in Bellagio am Comer See, die ihn inspirierte. Von Friedrich Schiller heißt es, er habe in der Schreibtisch-Schublade immer ein paar faulige Äpfel gelagert, weil er den Geruch zum Schreiben brauchte.

In diesem Zusammenhang ist es zudem gut, den Ablauf kreativer Prozesse zu kennen. Um zu sehen, an welcher Stelle du gerade stehst. Und dass es ganz normal ist, dass nach dem Formulieren der Aufgabe und dem Sammeln erster Lösungsideen (Phase 1) du dich erstmal mit anderen Dingen beschäftigen solltest. Während dieser Zeit der Inkubation (Phase 2) ordnet das Gehirn weiter die gesammelten Fakten. In Phase 3 kommen schließlich die ersehnten Gedankenblitze, anschließend werden die Ideen fixiert und ausgefeilt.    

Dabei lohnt es sich, ab und an die Stellschrauben zu drehen und etwas auszuprobieren. Eine  Kreativitätstechnik, auf die ich erst vor kurzem stieß und die großen Spaß macht, sind die sogenannten Writing Prompts: Spielerische Textideen, wenn partout mal kein Thema einfällt.

Oder: Mal eine andere Schreibsoftware verwenden. Zum Schreiben in ein neues Café gehen, wenn diese wieder geöffnet haben, oder ein Co-Working-Büro ausprobieren. Oder: Sich auch mal eingestehen, dass es heute nichts wird mit dem Schreiben und Steuerkram und Hausarbeit einfach besser zum Tag passen.

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Über Heiko Kunzmann

Heiko Kunzmann ist freier Journalist und Dozent in Leipzig und heute vorwiegend fürs Fernsehen unterwegs (ZDF und MDR). Er studierte an der TU Dresden und der University of Sussex in Brighton und bloggt selbst auch unter medienpraxis.blog.

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