Slow Business als Weg zu einer zufriedenen Selbstständigkeit? Ein Interview mit Katrin Rönicke

Über Katrin Rönicke

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Katrin Rönicke, Fotocredit: Kinga Cichewicz

Katrin Rönicke produziert seit 2013 Podcasts. 2017 gründete Katrin zusammen mit Susanne Klingner das Podcast-Label hauseins. Für hauseins stehen Qualität, Nachhaltigkeit und Fairness im Mittelpunkt jeder Produktion. 2018 hat sie auf der Republica den Talk “Mach langsam! Ein Podcast-Label als Slow Business” gehalten, der auch der Anstoß für dieses Interview war.

Euer Podcast-Label hauseins bezeichnest du als Slow Business. Was verstehst Du darunter?

Ein, wie der Name schon sagt, langsames Geschäftsmodell. Einerseits bezieht sich das auf die Frage des Wachstums. Also, wie schnell wollten wir wachsen? Wie schnell wachsen wir auch tatsächlich?

Andererseits bezieht sich das aber auch auf die Art und Weise, wie wir arbeiten. Wir sind zwei, Susanne Klingner und ich, und wir haben mittlerweile fünfzehn Leute, die auf Honorarbasis für uns arbeiten. Wir versuchen alle pfleglich zu behandeln, damit niemand ausbrennt, sondern es allen gut geht und jeder auch in Ruhe arbeiten kann. 

Ich kenne ein Interview mit Alex Blumberg, dem Gründer des Podcast-Labels Gimlet, in dem er gesagt hat, dass er die ersten zwei Jahre weder für seine Familie, noch für seine Freunde, noch für sonst irgendwen da war. 

Und das ist ein Ansatz, gegen den wir uns ganz aktiv entschieden haben. Für uns steht im Vordergrund, dass es uns gut geht und dass wir eine gute Arbeit machen. Wir machen langsam und schauen, was entsteht.

Ein Unternehmen mit fünfzehn Leute, die auch bezahlt werden möchten, kommt mir jetzt nach drei Jahren gar nicht so langsam vor…

Da hast du schon recht, das ist cool. Trotzdem, es gibt diesen anderen Ansatz: Grow big or go home

Diesen Ansatz beobachte ich bei vielen Firmen um uns herum, gerade auch in der digitalen Medienwelt. Leute wollen sehr schnell sehr groß werden und müssen das auch, weil Geld reinkommen muss.

Oft gibt es dann noch Investoren, die zusätzlich darauf drängeln, einen bestimmten Gewinn abzuwerfen. Wir haben uns beispielsweise aktiv gegen Investoren entschieden, weil das nicht zu unserer Idee des Slow Business passt. 

Also, wie man sieht, auch wenn wir sagen, wir machen langsam, wachsen wir trotzdem.

Ihr seid ein Podcast-Label. Podcasts gelten als langsames Medium und sind damit wahrscheinlich ein perfektes Match für ein Slow Business. Habt ihr da optimale Voraussetzungen, euer Geschäft als Slow Business aufzuziehen? Glaubst du, es ist auch für andere gut durchführbar?

Ja, wahrscheinlich haben wir einen Vorteil, was das angeht. Außerdem sind wir nicht bei null gestartet, sondern es gab einige unserer Podcasts vorher schon. Auch hatten wir schon gut laufende Produktionen. 

Dadurch sind wir mit einem gewissen Standing gestartet und konnten uns Energie sparen. Wenn ich als neue Firma auf den Markt trete und dort komplett unbekannt bin, muss ich natürlich mehr Energie aufwenden, um sichtbar zu werden.

Also, wir hatten sicherlich ein paar sehr gute Startbedingungen. 

Aber ich glaube, dass es schon möglich ist, vieles von dem, was wir machen, auch in andere Bereiche zu übertragen. Zum Beispiel hatten wir erst einmal auch noch ein Standbein außerhalb von hauseins. So war klar: Wenn hauseins nicht klappt, dann haben wir auch noch etwas Anderes und es hängt nicht unser Leben davon ab. Wir haben uns am Anfang immer so viel um hauseins gekümmert, wie gerade ging, neben der anderen Arbeit, Kindern, Familie und Freunden. Ich glaube, dieses klein starten ist auch für andere Gründungen übertragbar.

Hattet ihr eigentlich einmal einen Konflikt zwischen Geld verdienen und langsam machen oder ging das immer Hand in Hand?

Nein, bisher nicht. Das liegt aber auch daran, dass wir sehr früh gesagt haben: „Also, wir machen langsam. Dadurch ist die Arbeit ordentlich. Und dadurch, dass die Arbeit ordentlich ist, nehmen wir auch einen Preis, der die Arbeit dann gut bezahlt. „

Ich glaube, man kommt schnell in Geldnot, wenn man sich unter Wert verkauft. Wenn man aber für gute Arbeit einen guten Preis nimmt, dann muss man nicht so wahnsinnig viel arbeiten, damit genug reinkommt. 

Beobachtest du einen Trend in die Richtung Slow Business?

Als ich mich vor zwei Jahren mit dem Thema befasst habe, bin ich auf schon viele andere gestoßen, die vor mir das Thema aufgemacht haben. 

Da hatte ich das Gefühl, da passiert etwas und man versucht, ein bisschen anders zu wirtschaften. Und das geht darüber hinaus, dass man sich nicht so einen Druck macht und jeden Schritt überlegt und in Ruhe geht.

Es ist auch wichtig, nachhaltig zu sein. Wir fahren zum Beispiel mit der Bahn und fliegen nicht. 

Ich glaube, dass nachhaltiges und lebensfreundliches Wirtschaften von mehr und mehr Unternehmen angestrebt wird. 

Lebensfreundlich wird oft als familienfreundlich abgehandelt, gerade wenn, wie bei uns, Frauen involviert sind. Ich denke, dass es nicht nur mit Familien zu tun hat, weil es ja auch andere Gründe gibt, ein Leben neben dem Beruf zu haben: Freunde, Hobbies, Ehrenamt…

Gleichzeitig ist das eine sehr privilegierte Diskussion. Ich glaube, dass es einfach bestimmte Bereiche gibt, wo das eher möglich ist. Bereiche, die neuer sind oder sich in der digitalen Sphäre abspielen. 

Wohingegen der Postbote kein Slow Business hat. Der hat auch keine langsame Arbeit. Da achtet niemand darauf, ob der seine Arbeit in Ruhe machen kann, sondern der kommt in einen größeren Hof mit vielen Mehrfamilienhäusern und lädt ganz schnell bei einem für alle im Hof die Post ab, weil er es einfach nicht schafft, bei jedem einzeln zu klingeln.

Es gibt gesellschaftliche Bereiche, seien es jetzt die Paketdienste, die Restaurants oder die Cafés, die unter einem enormen Druck stehen, billig zu sein. Wir haben die Möglichkeit, gute Preise zu nehmen und dafür in Ruhe arbeiten. Diese Möglichkeit gibt es in diesen Bereichen oft nicht. 

Ich würde zum Beispiel gerne bei DHL zwei, drei Euro mehr bezahlen, wenn dafür dann die Lieferanten nicht so einen Stress haben. Aber die Option gibt es leider nicht.

Aber jegliche gesellschaftliche Veränderung muss irgendwo erst einmal ausgetestet werden. Und dann ist es gut, wenn es mehr und mehr Unternehmen gibt, die sagen: „Wir machen das jetzt anders und ein bisschen menschenfreundlicher.“

Zum Abschluss: Was tust Du, wenn FOMO ausbricht, also die Angst etwas zu verpassen, weil ihr langsamer arbeitet? Oder kennst du dieses Gefühl gar nicht?

Wenn man sich anschaut, was in den letzten Jahren auf dem Podcast-Markt passiert ist, dann kann man da schnell FOMO bekommen. Weil so viele neue Podcasts dazugekommen sind. Bei vielen sind Promis dabei, Instagram-Influencer oder YouTuber oder was weiß ich. Es gibt auf einmal Podcasts mit Leuten, die ein wahnsinniges Publikum ziehen. 

Dagegen sind wir wahrscheinlich eher ein Indie-Label. Da kann man schon einmal Angst bekommen, etwas zu verpassen. Aber was mache ich dann? 

Ich blicke zuerst auf meinen Kontoauszug und schaue, ob ich gut leben kann. Dafür ist zum Beispiel ein Indiz, ob ich mir meinen Jahresurlaub leisten kann. 

Ich frage mich dann auch, ob es mir gut geht. Also: Habe ich einen Nachteil davon, dass auf einmal Hinz und Kunz Podcasts machen und die Charts stürmen?

Nein, eigentlich geht es mir genauso gut wie vor zwei Jahren. Es hat nichts mit mir persönlich gemacht, dass die anderen da sind und ich nicht mehr ganz vorne in den Charts dabei bin. Unsere Podcasts werden immer noch super gehört und haben in der Regel auch ein immer noch wachsendes Publikum. 

Außerdem frage ich mich: Mag ich das, was ich mache? Also: Höre ich unsere eigenen Podcasts gerne? Habe ich das Gefühl, dass sie wichtig sind, dass sie etwas bewegen, dass sie vom Publikum gemocht und diskutiert werden? 

Da hilft das Feedback, das wir bekommen. Wir haben richtig tolle Communities um die Podcasts herum geschaffen. Zum Beispiel haben wir es beim Lila Podcast jetzt geschafft innerhalb von einem Jahr über 3000 Instagram-Follower aufzubauen. Das ist für uns krass. Viele unserer Projekte sind auch hörerInnenfinanziert. Die würde es ohne HörerInnen gar nicht geben. Und dass das funktioniert, ist natürlich auch wunderbares Feedback.

Also nochmal zusammengefasst, ich stelle mir diese Fragen:

Geht es mir gut? – Ja, mir geht es gut.

Und was mache ich so für Projekte? Sind die irgendwie sinnvoll? Sind die gut? Und bringen die einen Mehrwert in die Welt? – Ja, das machen die.

Dann geht es eigentlich auch meistens mit der FOMO wieder.

Vielen Dank für das Interview, Katrin.

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