Symbolbild für eigene Projekte

Eigene Projekte als kreative Regeneration – Interview mit Vivi D’Angelo

Vivi D’Angelo habe ich vor ungefähr sieben Jahren kennengelernt. Damals waren wir Büronachbarn und sie stand ganz am Anfang ihrer Selbstständigkeit als Fotografin. Seitdem habe ich sie online nie aus den Augen verloren.

Regelmäßig fliegen in meinen Social Media Streams ihre wirklich besonderen Fotos zu Lebensmitteln und Essen vorbei (zu ihrem Instagram-Account). So habe ich auch mitbekommen, dass sich Vivi regelmäßig Zeit für eigene Projekte nimmt.

Das finde ich besonders interessant, weil viele Selbstständige ja auch selbstständig geworden sind, um selbstbestimmt arbeiten zu können und das bei eigenen Projekten einfach am besten funktioniert. Das ist auch mit ein Grund, warum ich den Atlas der Selbstständigkeit gestartet habe. Bei Auftragsarbeiten bestimmt am Ende doch jemand anderes, nämlich der Kunde.

Trotzdem ist es gar nicht so einfach, sich als Selbstständiger den Raum für eigene Projekte zu nehmen. Eigene Projekte sind meistens nicht die Arbeitszeit wert, zumindest wenn man sie kurzfristig und rein monetär mit Kundenprojekten vergleicht. Aber dafür lohnen sie sich auf eine andere Weise. Dazu habe ich Vivi befragt und sie konnte einiges erzählen.

Wir haben über diese Themen gesprochen:

  1. Vivis Weg in die Selbstständigkeit
  2. Ein eigenes Angebot als Wendepunkt
  3. Eigene Projekte als Weg zu mehr Sichtbarkeit
  4. Eigene Projekte zur kreativen Regeneration

Über Vivi D’Angelo

Vivi D'Angelo beim Essen

Vivi D’Angelo ist selbstständige Fotografin und spezialisiert auf den Bereich Food. Sowohl als Studio- als auch als Reportagefotografie rotieren ihre Aufträge um die Themen Lebensmittel, Kochen, Genießen, aber auch Lebensmittelherstellung in all seinen Facetten. Für den Atlas der Selbstständigkeit hat sie schon erzählt, wie sie an Aufträge und Kunden kommt. Hier geht es zu ihrer Website.


1. Vivis Weg in die Selbstständigkeit

Warum bist du eigentlich selbständig geworden?

Fiese Frage. Hmm. Ich habe immer wieder mit dem Gedanken, selbständig zu sein, geliebäugelt. Aber nach der Uni wollte ich erstmal das machen, was ich studiert habe.

Was hast Du studiert? 

Ich habe zuerst Journalismus und Kommunikationswissenschaften studiert und dann einen Master in Kommunikation für Kulturerbe gemacht. Mit dem Werdegang hätte ich eigentlich von einem Museum eingestellt werden wollen, oder sollen. Aber es stellte sich dann heraus, dass es sehr schwierig ist, ausschließlich mit dieser spezifischen Ausbildung in dem Bereich einen Job zu finden. 

Als Plan B wollte ich was im Catering oder in der Veranstaltungsgastronomie machen. Aber um das so umzusetzen, wie ich das wollte, hätte ich selbst ein Unternehmen gründen müssen. Das hat mich abgeschreckt. 

Während dieser Phase, in der ich nicht genau wusste, was ich beruflich machen möchte (das war 2012)  tauchte eine Agentur auf und suchte jemanden, der die Blogs der Villa Stuck [renommiertes Kunstmuseum in München] und des Jüdischen Museum Münchens betreut. 

Die Betreuung der Kommunikation einer Kultureinrichtung war ja genau mein Ding. Ich wurde dann “feste Freie” der Agentur und machte mich dafür selbstständig. Die ganzen Papiergeschichten hat dafür ein Steuerberater übernommen, der mir von meinem Auftraggeber empfohlen wurde – und so bin ich in die Selbstständigkeit fast hineingerutscht.

Wie ist es mit deiner Selbstständigkeit dann weitergegangen?

Die dauernde Verfügbarkeit des Agenturlebens war nichts für mich. Ich war nach einem Jahr schon am Durchdrehen. Außerdem kam es zu Unstimmigkeiten wegen anderer Auftraggeber, Überschneidungen in den Themenbereichen…. Darum habe ich dort wieder aufgehört.

Eine kurze Zeit lang bin ich dann in ein kleines Loch gefallen, aber bald hatte ich schon ein paar kleinere Aufträge von anderen Kunden, die mich über Wasser gehalten haben.

Was hattest du damals für Aufträge und Kunden?

Die meisten Kontakte kamen über ein Netzwerk, das ich schon während des Jahres in der Agentur aufgebaut hatte, im Gastrobereich, sowie im Kulturbereich.

Der erste längerfristige eigene Auftraggeber war ein Cafe, das es leider nicht mehr gibt. Das hatte ich für die Agentur betreut. Als sie erfahren haben, dass ich weg bin, haben sie der Agentur gekündigt, mich kontaktiert und gefragt, ob ich das weitermachen könnte, weil sie sich bei mir so wohl gefühlt hatten. Schuldgefühle hoch tausend natürlich, aber ich habe trotzdem zugesagt. Das war dann bestimmt ein Jahr lang meine Haupteinnahmequelle.  

Außerdem hatte ich schon mehrmals mit den Kulturkonsorten gearbeitet, ein Netzwerk, das Museen bei der Entwicklung ihrer Präsenz im digitalen Raum berät. Darüber kam ich dann dazu, bei verschiedenen Kultureinrichtungen (u.A. die PLATFORM und das Maximiliansforum) zu arbeiten. Es war am Anfang auch viel Eventkram dabei, viel Social Media Betreuung und manche Jobs, bei denen ich mir schon damals dachte, dass ich das auch nicht ewig machen möchte. Auf jeden Fall eine wild gemischte und momenteweise schwierige Übergangsphase – aber das hat sich ja alles dann gut entwickelt.

2. Ein eigenes Angebot als Wendepunkt

Wie hast Du es dann geschafft, dass Du vor allem Sachen machst, die Dir gefallen? Da stehst Du doch jetzt, oder?

Ja, schon. Ich mache auch jetzt noch Kompromisse, zu Beispiel bei Aufträgen, die vielleicht inhaltlich nicht soooo spannend sind, aber bei denen ich die Kunden so unfassbar gerne mag. 

Prinzipiell ist es schon so, dass ich versuche, mir meine Jobs herauszusuchen. Auch weil es einfach von der Zeit her nicht reicht, alle Anfragen anzunehmen.

Ich glaube, es gab einen Knackpunkt, ab dem es so richtig anlief. Ich bin Autodidaktin und habe mir das Fotografieren selber beigebracht. Ich fand es immer doof, dass es damals keine Kurse, keine Fortbildung, keine Schulung oder Workshops oder so etwas gab. Deswegen habe ich zu mir gesagt: 

“Wenn ich mal irgendwann das Gefühl habe, ich kann es gut, dann biete ich so etwas an.”

Dieser Zeitpunkt kam dann, das war irgendwann 2015 – mittlerweile denke ich, dass ich da auch immer noch viel zu wenig drauf hatte. Zu lernen hat man ja eh immer. Aber nun ja, so habe ich angefangen, Workshops anzubieten.

Workshops für was?

Für Foodfotografie, vor allem gedacht für Anfänger und für Blogger. Also die Grundlagen. Das kam supergut an.

Dadurch ist mein erstes “eigenes” Netzwerk entstanden. Ich habe alle ein bis zwei Monate einen Workshop mit acht Teilnehmern gemacht… und so bin ich wahrscheinlich den Leuten mehr in Erinnerung geblieben, sie haben an mich gedacht, wenn jemand nach Foodfotografen suchte… und es schwappten immer wieder Aufträge auch über diese Kontakte zu mir rüber. 

Wie haben die deinen Workshop gefunden? Ich stelle es mir gar nicht so einfach vor, dass immer jemand kommt.

Es gab da wirklich eine Lücke, weil zu dem Zeitpunkt noch niemand solche Workshops in München angeboten hat. Ich kannte nur zwei Anbieter in ganz Deutschland: Die einen in Berlin und die anderen in Frankfurt. Außerdem wollte ich es so hürdenlos wie möglich machen und habe – im Gegensatz zu den paar anderen (in meinen Augen überteuerten) Anbietern – einen fairen Preis verlangt. Ein bisschen was lief über Freunde, Bekannte, erste Kunden. Ein paar “Influencer” haben das dann noch digital gestreut. Und nach dem ersten Workshop fing dann die Mund zu Mund Propaganda an. Zum Ende hin waren die Workshops dann jedes Mal ziemlich schnell ausgebucht.

3. Eigene Projekte als Weg zu mehr Sichtbarkeit und einem tollen Netzwerk

So hast du also dein initiales Netzwerk verstärkt.

Ich glaube schon. Wenn man immer wieder mit einem Thema sichtbar wird, dann bleibt man auch mehr in Erinnerung. Deswegen denken die Leute an mich, wenn sie Fotos brauchen.  

In meiner Nische gibt es in München schon sechs, sieben gute Leute. Aber ich bekomme online kaum mit, was die machen. 

Ich habe nebenher immer wieder Sachen – wie zum Beispiel den Fotografie-Workshop – angeboten. Da ich immer versuche, die sichtbar zu machen, werde ich selber dadurch auch sichtbar, obwohl das eigentlich gar nicht der primäre Gedanke dabei ist. 

Was hast du alles so nebenbei angeboten?

Die Workshops habe ich etwa zwei Jahre lang regelmäßig gemacht, dann habe ich schweren Herzens beschlossen, aufzuhören. Erstens ist meine Location weggefallen, zweitens hatte ich das Gefühl, dass ich wieder mehr Energie brauche, um mich selber weiterzubilden und nicht andere. Eigentlich wollte ich mir also Zeit nehmen, um mich selbst spezifischer fortzubilden, aber dann kam mir die Idee der Food Talks dazwischen. Die Food Talks sind kleine Veranstaltungen, die ich nach Feierabend bei mir im Studio gemacht habe. 

Was sind die Food Talks genau?

Die Idee zu den Food Talks kam, als ich mein Studio gemietet habe und das Gefühl hatte:

“Jetzt habe ich so coole Räume und die benutze nur ich alleine. Das ist irgendwie schade.”

Mein Studio besteht aus einem Shootingraum und einer Küche. Diese Küche habe ich selber einbauen lassen, von einem Bekannten, der ein tolles Händchen für Inneneinrichtung hat. Die war gerade am Anfang so wunderschön, dass ich da unbedingt mehr draus machen musste als dort nur für Shootings zu kochen. 

Da fiel mir auf, wie viele unterschiedliche Leute ich kenne, die in einem speziellen Bereich Expertise haben. Bäcker, Wurstmacher, Schlachter, Spirituosenhändler. Eine gute Freundin ist Esskulturhistorikerin, ein anderer Kumpel ist Nose To Tail Experte [Dabei geht es darum, alle Teile eines Tieres zu verwerten]. Es ist echt eine gute Mischung dabei. Mein Gedanke war, dass ich die selber immer so viele Sachen frage und so viel wissen will und ich es schön fände, wenn die ihr Wissen auch mit mehr Menschen teilen können. 

Außerdem hatte ich nach Feierabend selten etwas zu tun, weil die meisten meiner Freunde auf einmal mit Kindern zu Hause saßen. Dann habe ich also angefangen, einmal im Monat Food-Experten zu mir einzuladen, die sich dann auch selbst durch den Abend leiten. Ich mache nur die Organisation drumherum. 

Gibt es die Food Talks noch?

Es wird sie wieder geben, sobald es sich wieder gut anfühlt, Leute in einen Raum zu pferchen. Meine Küche ist echt klein, was immer einen lustigen Effekt gab, wenn Leute das erste Mal kamen:

“Oh, die Küche ist winzig, wir sind zu zehnt, oh Scheiße.”

Und zum Schluss war dieses eng auf eng mit ein Grund für neue Freundschaften und neue Connections. Leute zusammenzubringen gab mir immer ein gutes Gefühl. 

Also, die Talks wird es wieder geben. Ich überlege auch gerade, ob eine Outdoor Version möglich ist.

4. Eigene Projekte zur kreativen Regeneration und Auffrischung der eigenen Interessen

Zusätzlich zu diesen Veranstaltungen machst du auch noch regelmäßig andere, eigene Projekte, oder?

Ja. Sagt dir Stefan Sagmeister etwas?

Nein.

Der hat eine erfolgreiche Kreativagentur in New York, die alle sieben Jahre ein Jahr zumacht – so wie beim Sabbatjahr in der Bibel.

Er gibt sich und seinen Mitarbeitern dieses Jahr, um eigene Projekte zu machen. Zur kreativen Regeneration und Auffrischung der eigenen Interessen. 

Den Gedanken fand ich total spannend. Nur war es für mich unvorstellbar, ein Jahr Pause zu machen, und vor allem, sieben Jahre auf diese Pause zu warten. Ich versuche also, einen Monat im Jahr einem freien Projekt zu widmen. 

Wobei so ein freies Projekt immer auch einen Schweif hat. Das muss ich vorher zumindest grob planen und danach aufarbeiten. Deswegen ist es doch ein bisschen mehr, oder ein bisschen weniger. Aber so grob geschätzt, ist ein Monat pro Jahr mein Ziel.

2018 und 2019 habe ich gemeinsam mit einer guten Freundin, der Foodnomadin und Gastroberaterin Antje de Vries, eine Reise nach Bali gemacht. Außerdem habe ich über eine längere Zeit eine Dokumentation gemacht in einem kleinen handwerklichen Schlachthof bei Fürstenfeldbruck. Die Balireise wurde zu einer wirklich schönen Reportage über Essen und Spirituelle rituale, es wird nun zu einem Buch verarbeitet, das (leider durch die Coronakrise verschoben) 2021 erscheint. Die Schlachthofserie habe ich als Popup unter dem Namen “Morgens um vier stirbt das Schnitzel” ausgestellt. Das bekam auch weit mehr Resonanz, als erwartet, ich versuche sie gerade noch irgendwo anders zu zeigen. 

Wie entscheidest Du jedes Jahr, was Du machst?

Mein Ansatzpunkt ist immer eigenes Interesse. Eigentlich möchte ich mich von dem Gedanken nicht blockieren lassen, dass sich etwas nicht verkauft. Aber natürlich motiviert es, zu wissen, dass jemand damit danach noch etwas machen kann. Weil ich auch keine Projekte mache, um sie dann in die Schublade zu stecken. Ich merke, wie ich mich immer wieder bremse mit Gedanken wie:

“Oh warte mal, aber das interessiert ja keinen.”

Aber andererseits denke ich mir dann, vielleicht muss man einfach das Interesse wecken. Ab und zu einfach mal etwas zu machen, weil es Spaß macht, hilft total. Man weiß ja nie, welche Wellen es schlägt. 

Was ich dann konkret mache, ergibt sich irgendwie. Eine Tür muss aufgehen. 

Magst du ein Beispiel dafür nennen?

Eine Idee für dieses Jahr ist aus einem lustigen Zufall entstanden, wieder im Gespräch mit Antje de Vries, mit der ich auf Bali war und auch mittlerweile echt viel zusammenarbeite. Sie reist wegen ihrer Beratungstätigkeit viel und saß dann eines Tages in einem Flixbus neben der Bundeskulturreferentin des Verbands der Siebenbürger Sachsen. Mit ihr hat sie sich super gut verstanden und total lang geratscht, auch über den kulturellen und kulinarischen Melting Pot, der sich dort ergeben hat, dadurch dass da allerhand zusammenfließt, aus Ungarn, Rumänien, Deutschland.

Superwitzig, dass sich diese Verbindung auftat, denn ein Teil meiner Deutschen Familie ist von dort, also aus Siebenbürgen, in Rumänien, ausgewandert. Dann kam zufälligerweise noch eine Fernsehsendung, wo ein Koch nach Siebenbürgen geschickt wurde und dort ein traditionelles Gericht nachkochen musste.

Also haben wir uns gedacht, dass es total cool wäre, dahin zu fahren und eine Geschichte darüber zu machen. Es motiviert außerdem noch mehr, wenn ein Projekt eine positive und aktuelle Message hat, wie in diesem Fall: wie wichtig und bereichernd die Vielfalt der Kulturen ist. Positivbeispiele zu zeigen fühlt sich für mich auch besser an als irgendwie belehrend und mit so einem “schimpfenden” Aktivismus zu handeln. 

Jetzt gerade bin ich noch am Überlegen, ob sich das Reisen dieses Jahr  richtig anfühlt oder nicht. Mal gucken. Wenn nicht, dann gibt es vielleicht auch ein lokales Projekt. Es ist ja auch so, dass Einschränkungen einen kreativer werden lassen.

Vielen Dank, Vivi! Und viel Erfolg weiterhin, besonders bei deinen eigenen Projekten.

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